
Schwerhörigkeit
Schwerhörigkeit und Kiefer: was Ohr und Kiefergelenk verbindet
Schwerhörigkeit ist eine teilweise oder vollständige Verminderung des Hörvermögens. Eine messbare Hörminderung durch den Kiefer ist nicht belegt. Ein verspannter Kiefer oder eine CMD kann aber Druck oder ein dumpfes Gefühl im Ohr machen, das sich wie schlechteres Hören anfühlt. Schwerhörigkeit entwickelt sich schleichend oder plötzlich und betrifft das Verstehen von Sprache, das Wahrnehmen von Geräuschen oder das Richtungshören. Häufige Ursachen sind das Alter, Lärm, Ohrenschmalz und Erkrankungen von Mittel- oder Innenohr. Eine plötzliche Hörminderung ist ein Notfall für die HNO.
Formen der Schwerhörigkeit
- Schallleitungsschwerhörigkeit: Der Schall wird nicht richtig an das Innenohr weitergeleitet, zum Beispiel durch Ohrenschmalz, einen Infekt des Mittelohrs, ein verletztes Trommelfell (Trommelfellperforation) oder eine Versteifung der Gehörknöchelchen (Otosklerose).
- Schallempfindungsschwerhörigkeit: Das Innenohr, vor allem die Haarzellen der Hörschnecke (Cochlea), oder der Hörnerv sind geschädigt; fachlich heißt das auch sensorineurale Schwerhörigkeit. Ursachen können Lärm, das Alter (Altersschwerhörigkeit, Presbyakusis), Medikamente oder Infektionen sein.
- Zentrale Schwerhörigkeit: Die Verarbeitung des Gehörten im Gehirn ist gestört, etwa nach einem Schlaganfall, einem Schädel-Hirn-Trauma oder bei neurologischen Erkrankungen.
Schwerhörigkeit: typische Symptome
- Dumpfe, leise oder verzerrte Geräuschwahrnehmung
- Schwierigkeiten, Sprache in lauter Umgebung zu verstehen, etwa im Gasthaus
- Schlechteres Richtungshören
- Druckgefühl, Ohrensausen oder ein Gefühl von Zugestopftsein
- Begleitsymptome wie Ohrgeräusche oder Schwindel (→ Tinnitus, Schwindel)
Ursachen von Schwerhörigkeit
- Alter: Das Gehör lässt mit den Jahren nach, meist zuerst bei hohen Tönen.
- Lärm: Laute Arbeitsplätze, Konzerte und zu laute Kopfhörer schädigen die Haarzellen.
- Ohrenschmalz: Ein Pfropf kann den Gehörgang verschließen.
- Infekte und Erkrankungen des Mittelohrs: etwa eine Mittelohrentzündung oder Otosklerose.
- Plötzlicher Hörverlust: ein Hörsturz.
- Medikamente und Erkrankungen des Hörnervs.
Ohr und Kiefer: Was CMD mit dem Hören zu tun hat
Das Kiefergelenk sitzt direkt vor dem Gehörgang. Menschen mit Kiefergelenksbeschwerden berichten häufiger über Ohrsymptome wie Druckgefühl, Ohrgeräusche oder das Gefühl, schlechter zu hören. In einer großen Untersuchung an einer Schmerzambulanz hatten 60 Prozent der Patient:innen mit CMD Ohrbeschwerden, gegenüber 29 Prozent ohne CMD (Lam et al., 2001). Bei Menschen mit Völlegefühl im Ohr, deren Ohren unauffällig waren, besserte sich das Völlegefühl in einer Studie bei den meisten nach einer CMD-Behandlung (Peng, 2017).
Eine Übersichtsarbeit, die nur Studien mit Hörtests ausgewertet hat, fand bei CMD keine verlässlich messbare Hörminderung (Frosolini et al., 2026). Wer schlechter hört, geht zur HNO. Wer gut hört, aber Druck im Ohr spürt und einen verspannten Kiefer hat, sollte zusätzlich den Kiefer ansehen lassen (→ Ohrdruck).
Wie wird Schwerhörigkeit behandelt?
Je nach Ursache kommen Hörgeräte, Hörimplantate, Medikamente oder Operationen infrage, ergänzt durch Hörtraining. Ohrenschmalz entfernt die HNO-Praxis. Bei Ohrdruck mit Kieferbeschwerden kommen Zahnmedizin und Physiotherapie dazu.
Übungen aus der CRANii App zum Thema Ohrdruck und Kieferverspannung
Eine Übersichtsarbeit fand Hinweise, dass Übungen für Kiefer und Nacken zusammen mit manueller Therapie Ohrsymptome bei CMD verringern können; die Sicherheit der Daten war sehr gering (Tavares et al., 2025). Die CRANii Videos wurden dort nicht untersucht.
Diese Videos sind kein Hörtraining und verbessern das Gehör nicht. Sie zeigen Übungen rund um Ohr und Kiefer. Ob sie für dich passen, hängt von der Ursache ab: Lass dein Gehör zuerst HNO-ärztlich abklären.
Die Anleitungen dazu stehen als Video in der CRANii App.
Was du im Alltag für dein Gehör tun kannst
- Gehör schützen: Lärm meiden, Gehörschutz tragen, Kopfhörer nicht zu laut stellen.
- Keine Wattestäbchen: Sie schieben das Ohrenschmalz tiefer in den Gehörgang.
- Hörtest: Das Gehör regelmäßig testen lassen, vor allem ab dem mittleren Lebensalter.
- Hörgerät tragen: Ein verordnetes Hörgerät regelmäßig tragen, damit sich das Gehirn daran gewöhnt.
- Kiefer locker: Spürst du Druck vor dem Ohr, kontrollier, ob du die Zähne zusammenbeißt.
Wann du rasch zur HNO solltest
Geh rasch zur HNO-Ärztin oder zum HNO-Arzt, wenn
- die Hörminderung mit Drehschwindel, Ohrgeräuschen oder Druck auftritt,
- Ohrenschmerzen, Fieber oder Ausfluss aus dem Ohr dazukommen,
- du nach einer Kopfverletzung oder einem sehr lauten Knall schlechter hörst,
- du Gesprächen in Gesellschaft schwer folgen kannst oder den Fernseher immer lauter stellst. Dann ist ein Hörtest sinnvoll,
- ein Kind auf Ansprache wenig reagiert oder die Sprachentwicklung verzögert ist.
Spürst du zusätzlich Kieferschmerzen, Kieferknacken oder presst du die Zähne, ist auch eine zahnärztliche Untersuchung sinnvoll.
Häufige Fragen zu Schwerhörigkeit
Warum ist es wichtig, eine Schwerhörigkeit versorgen zu lassen?
Gutes Hören erleichtert Gespräche und soziale Kontakte. Untersuchungen bei älteren Menschen verbinden Hörverlust mit geringerer Lebensqualität (Ciorba et al., 2012) und mit schlechterer geistiger Leistungsfähigkeit (Lin et al., 2011).
Kann CMD das Hören verschlechtern?
Manche Menschen mit CMD haben das Gefühl, dumpfer zu hören, oft mit Druck im Ohr. In Hörtests ließ sich eine echte Hörminderung durch CMD bisher nicht verlässlich nachweisen. Hörst du schlechter, geh zuerst zur HNO.
Quellen
Chadha S et al. (2021): The world report on hearing, 2021. Bull World Health Organ. PMID 33953438. PubMed
Lin FR et al. (2011): Hearing loss and cognition in the Baltimore Longitudinal Study of Aging. Neuropsychology. PMID 21728425. PubMed
Ciorba A et al. (2012): The impact of hearing loss on the quality of life of elderly adults. Clin Interv Aging. PMID 22791988. PubMed
Lam DK et al. (2001): Aural symptoms in temporomandibular disorder patients attending a craniofacial pain unit. J Orofac Pain. PMID 11443826.
Peng Y (2017): Temporomandibular Joint Disorders as a Cause of Aural Fullness. Clin Exp Otorhinolaryngol. PMID 28103655.
Frosolini A et al. (2026): Evaluating the association of temporomandibular disorders with audiological symptoms through instrumental diagnostics: A systematic review. Cranio. PMID 40186591.
Tavares LF et al. (2025): Effectiveness of manual therapy and exercise therapy on otological symptoms of individuals with temporomandibular disorders: a systematic review. Disabil Rehabil. PMID 39655394.